Avengers: Endgame (2019), Teil 2 – Ist Fanservice etwas Schlechtes?

Viele Kritiker von Avengers: Endgame erwähnen immer wieder, dass der Film Fanservice-Momente habe. Stets schwingt dabei ein negativer oder skeptischer Unterton mit. Als müsse man dies entweder rechtfertigen, irgendwie akzeptieren oder auch als Argument sehen, dass der Film höheren Maßstäben nicht genüge.

Doch was bedeutet Fanservice überhaupt? Ist Fanservice verwerflich? Oder ganz normal? Warum können wir nicht einfach genießen?

Zunächst kann man sagen, dass Fanservice nur dann möglich ist, wenn bereits ein Franchise etabliert wurde. Nur wenn Fans bereits ein großes Wissen über ein bestimmtes Franchise/ Universum haben, kann man sich in einem Film auf eben dieses berufen. Dabei benötigt es mehrere Teile und vielleicht sogar eine Buch- oder Comicvorlage. All dies ist bei Avengers: Endgame gegeben.

Als Folge dessen lieben es diese Filme sich, vor allem in späteren Teilen, auf bestimme Momente oder Charaktere zu berufen, die zuvor wichtig waren. Die Bedeutung bzw. Relevanz oder Begeisterung für diese Momente kann nur ein echter Fan erkennen. Alle anderen verstehen entweder nur Bahnhof oder ihnen lässt die bestimmte Szene einfach nur kalt. Fanservice-Momente- oder Szenen haben keine Relevanz für die Geschichte, sondern sind nur eingestreut, um den Fans ein Geschenk oder eine Überraschung zu machen.

In einem vollbesetzten Kino, gefüllt mit Marvelfans, wird man Jubel und Begeisterung auslösen, vielleicht Gelächter oder Applaus. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Denn die Fans als Gemeinschaft verstehen die Referenzen, erkennen Momente wieder und schwelgen in Nostalgie. Glücksgefühle werden ausgelöst, denn der Mensch mag es, sich als Gemeinschaft eines größeren Ganzen zu fühlen.

Inwieweit betreibt Avengers: Endgame also Fanservice? Fanservice kann man in Avengers: Endgame zuhauf erleben. Szenen, in denen wir einfach in Nostalgie schwelgen. Szenen in denen Charaktere, die eigentlich keine Rolle in der Handlung spielen, zelebriert werden, indem sie einfach nur präsent sind oder auftauchen. Und dann der ganze Mittelteil, der sich auf vergangene Filme bezieht, die man erstmal erkennen und an die man sich überhaupt erinnern muss, um die vielen Anspielungen und die Faszination des Ganzen zu verstehen.

Das Problem jedoch besteht darin, dass Menschen, die die bisherigen 21 MCU-Filme nur sporadisch oder gelegentlich, nur einmal, vor langer Zeit oder auch gar nicht gesehen haben, nicht viel damit anfangen können. Man beginnt zu grübeln: Wer war das? Was war da noch mal passiert? Warum jubeln/ lachen/ freuen sich denn jetzt alle? Man beginnt sich nicht nur ausgeschlossen und dieser Gemeinschaft nicht zugehörig zu fühlen, sondern vor allem auch zu langweilen, denn die Momente, die sich auf vergangene Filme berufen, bedeuten einem nichts oder man erkennt sie gar nicht erst.

Ist Fanservice also problematisch oder toll? Dass Fanservice für den Fan zu einem unglaublichen Erlebnis und für den Normalo-Zuschauer problematisch werden kann, hab ich bereits dargestellt. Die Frage, die sich also nun stellt ist: Für wen ist der Film? Und für wen sollten Filme generell sein? Sollte man erwarten können, dass man ein Experte der 21 vorherigen MCU Filme ist und sie mehrmals gesehen hat, um diesen Film zu schauen? Ist ein Film, der nur für Fans hundertprozentig funktioniert, gleich ein schlechterer Film?

Es gibt keine eindeutigen Antworten auf diese Frage. Ich, für meinen Teil, würde sagen, dass das Erlebnis, das die Zuschauer beim Schauen eines Filmes haben, grundlegend unterschiedlich sein kann, dies jedoch den Film als Ganzes nicht zu einem Besseren oder Schlechteren macht. Natürlich ist so ein gigantisches Projekt wie Avengers: Endgame für die Fans konzipiert. Und Fans haben die Marvel-Filme genug. Man muss erwarten können, dass der Zuschauer alle Filme gesehen hat, auch wenn nicht unbedingt in aller Ausführlichkeit. Die wichtigste Frage bleibt aber am Ende: Funktioniert der Film trotz der Momente, die man vielleicht nicht vollständig begreifen kann oder eben nicht? Und ich finde Avengers: Endgame hat genug zu bieten, auch außerhalb der Fanservice-Momente.

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist: haben Elemente eines Films, die eben nicht die Handlung vorantreiben, sondern sich nur auf Nostalgie und Referenzen beziehen, eine Berechtigung oder sind sie Ausdruck einer mangelhaften Qualität? Hierbei tut sich mal wieder eine Debatte auf, die es gibt, seitdem es Filme überhaupt gibt: Handlung vs. Action. Handlung vs. Slapstick. Handlung vs. Referenzen. Handlung vs. Witze. Es ist eine gängige Praxis, dass alles was die Handlung nicht vorantreibt, sondern nur existiert, um zu unterhalten, als minderwertig angeprangert wird. Aber warum? Wer sagt, dass Handlung, die einzige wichtige Einheit ist und das Erlebnis nicht wichtig ist?

Avengers: Endgame ist ein Film, der nicht nur ein Film ist. Er ist ein Spektakel. Er ist ein gesellschaftliches Ereignis. Er funktioniert wie ein Fußballspiel. Es wird gejubelt, geweint und gelacht – als Gemeinschaft. Wer dieser Gemeinschaft angehört, fiebert mit, wer nicht, eben nur teilweise. Daran ist nichts verwerflich oder schlecht. Im Gegenteil: Es schafft Gemeinsamkeit und ein Thema, das Leute vereint. Und dies ist in Gesellschaften, die immer mehr gespalten sind, immer etwas Gutes und hat einen guten Effekt.


Avengers: Endgame (2019) – Teil 1: Warum der ganze Hype?

Der neueste Superhelden-Film Avengers: Endgame hat einen riesigen Hype ausgelöst. Nach wenig mehr als einer Woche steht er schon auf Platz 5 der weltweiten Box Office Charts aller Zeiten, mit einem derzeitigen Einspielergebnis von über 1,7 Milliarden $. Höchstwahrscheinlich wird er schon bald Titanic (2,1 Mrd.) schlagen und auf Platz 2 stürmen – und vielleicht auch vor Avatar auf Platz 1 landen.

Der grandiose Erfolg von Avengers: Endgame war abzusehen, denn es ist der Höhepunkts des MCUs (Marvel Cinematic Universe). Nach 21 Filmen, die in einem gemeinsamen fiktiven Universum spielen, ist der Film das große Finale – ein Abschluss einer langen Ära, die 11 Jahre andauerte.

Die Charaktere Iron Man (2008, 2010, 2013), Hulk (2008), Thor (2011, 2013, 2017), Captain America (2011, 2014, 2016), Ant-Man (2015, 2018), Doctor Strange (2016), Spider-Man (2017), Black Panther (2018) und Captain Marvel (2019), sowie die Guardians of the Galaxy (2014, 2017), hatten ihre eigenen Reihen, Origin-Geschichten, Einführungen und Weiterentwicklungen.

Zudem wurden die Superhelden, sowie diverse Handlungsstränge in den Avengers-Filmen zusammengeführt (2012, 2015, 2018).

Viele, gerade junge Menschen, sind mit dieser Reihe aufgewachsen. Sie haben sie kennen- und lieben gelernt. Die große Stärke des MCU war stets, dass es geschafft hat relative Konstanz zu ermöglichen. Eine fortlaufende Handlung, dieselben Charaktere mit den gleichen Schauspielern. Dies ist sicherlich vor allem die Leistung des Produzenten Kevin Feige. Es gibt sicherlich nichts Schöneres für einen Fan, als dass jährlich mehrere neue Filme erscheinen und man stets gefüttert wird mit neuen Stoffen. Da verzeiht man schnell auch mal ein einige Schwächen, die das MCU definitiv hat.

So hat man es verpasst, einigen Charakteren eine anständige Backstory zu geben (Black Widow und Hawkeye). Andere Charaktere haben zwar ihre eigenen Filme, aber diese hatten erhebliche Schwächen (z.B. Thor, der sich erst in Teil 3, Thor: Ragnarok gefunden hat).

Avengers: Endgame bringt nun die Geschichten der Original-Avengers (Iron Man, Captain America, Hulk, Black Widow und Hawkeye) zu einem Ende. Jeder, der auch nur ein geringes Interesse am MCU und ihren Helden hat, will wissen: wie geht die Geschichte aus? Was passiert mit den Charakteren? Der große Schock und Cliffhanger nach Avengers: Infinity War trägt zusätzlich noch seinen Teil dazu bei.

Das offizielle Filmposter (siehe Bild) ist dabei trügerisch. Denn es geht in diesem Film tatsächlich hauptsächlich um den letzten Akt der Original-Avengers und nicht so sehr um die gezeigten Captain Marvel, Rocket, Rhodes oder Okoye. Damit inszeniert sich der Film als würde er ein großes, vielfältiges Ensemble vereinen. Dies tut er auch, aber natürlich kann und sollte man da auch nicht jedem gerecht werden wollen. Der Film, wie auch das Poster, inszeniert sich als großes, vielversprechendes Spektakel – was er auch ist. Eine Zusammenführung von diversen Handlungssträngen und Charakteren, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt aufgebaut haben. Sowas hat die Kinowelt noch nie gesehen hat. Was für ein besseres Marketing kann man da bieten?

Und nun endet all dies mit Avengers: Endgame. Einem Finale, dessen Hype sich sogar immer mehr steigert, aus zweierlei Gründen:

  • die Schweigsamkeit und Geheimniskrämerei, die um diesen Film geherrscht hat: das Marketing wurde auf ein Minimum gehalten und es wurden kaum Informationen, zum Beispiel in den Trailern, preisgegeben. Daran sollten sich andere Franchisen ein Beispiel nehmen. Je weniger man zuvor weiß, desto positiver werden Reaktionen ausfallen, desto gespannter werden Fans sein
  • die positiven Kritiken – sowohl die meisten Kritiker, wie auch das Publikum und vor allem die Fans loben den Film in den höchsten Tönen: 9.0 auf imdb, 95%auf rottentomatoes – das nennt man Mundpropaganda. Auch eigentliche Nicht-Interessierte werden sich dieses Spektakel wahrscheinlich nicht entgehen lassen. Jeder will Teil dieses Hypes sein und sehen, was es damit auf sich hat.

Natürlich geht es weiter mit dem MCU – aber nun stehen die neueren Charaktere (Ant-Man, Doctor Strange, Black Panther, Spider-Man, Captain Marvel und die Guardians of the Galaxy) im Mittelpunkt und lösen die alte Brigade ab. Man kann gespannt sein, wo es hin geht.