Das Märchen Aladin und die Wunderlampe ist nicht erst seit der berühmten Disney-Verfilmung von 1992 einer der beliebtesten und bekanntesten Märchen überhaupt. Es ist Teil der Sammlung orientalischer Erzählungen Märchen aus 1001 Nacht, wie auch zum Beispiel Ali Baba und die vierzig Räuber. Jedoch wird viele erstaunen, dass diese beiden Märchen nicht ursprünglich zu dieser Sammlung gehören und nicht im arabischen Original enthalten sind, sondern nachträglich im 18. Jahrhundert vom französischen Übersetzer Antoine Galland hinzugefügt wurden.
Es ist nicht ganz klar, ob Galland das Märchen selbst erfunden hat oder ob es ihm erzählt wurde. Fakt ist, es spielt in China, hat aber einen arabischen Erzähler und es ist unklar, was dieses Märchen wirklich repräsentiert oder repräsentieren soll. Schließen kann man daraus, dass Aladdin bereits in seinem Ursprung eine Fantasie über den Orient ist. Mit wahrer Repräsentation hat das wenig zu tun.
Die animierte Disney Verfilmung Aladdin (1992) hat das Märchen neu beflügelt und am Leben erhalten und auch hier wird klar, dass diese Umsetzung eine Fantasie der arabischen Welt darstellt. Sie löst eine merkwürdige Faszination beim westlichen Zuschauer aus und es werden diverse Klischees und Stereotypen benutzt, damit sichergestellt wird, dass sich der Zuschauer sich wohlfühlt und ihm das „Unbekannte“ merkwürdig bekannt vorkommt. Denn es werden alte Stereotype verwendet, die uns allen geläufig sind. Wirkliche Repräsentation ist das nicht.
Die neueste Live Action-Verfilmung Aladdin (2019) versucht vieles besser zu machen und bekommt von allen Seiten das Lob, dass Diversität endlich umgesetzt wird. Die Schauspieler stammen aus den unterschiedlichsten Ländern. Massoud (Aladdin) ist ein Kanadier mit ägyptischen Wurzeln, Scott (Jasmine) ist eine Engländerin mit indischen Wurzeln. Doch nur weil es hier Schauspieler gibt, die multikulturelle Wurzeln haben, heißt dies nicht, dass diese auch repräsentiert werden. Massoud ist schließlich Kanadier und Scott Engländerin. Und was wird hier eigentlich repräsentiert? Indien? Ägypten? Afrika? Araber? Es ist ein wahres Kuddelmuddel an Kulturen, ein Mischmasch und all dies unter dem Deckmantel des Orients. Man kann sagen, dass hier das klassische Phänomen zu beobachten ist, dass der Westen alles verallgemeinert und als Orient abstempelt, anstatt zu differenzieren. Wahre Repräsentation heißt Differenzierung, Individualisierung und Konkretisierung und nicht Verallgemeinerung und Pauschalisierung. Also: trotz aller Verbesserungen: Repräsentation ist dies nicht.
Was bedeutet dies nun also: ist Aladdin grundsätzlich ein verwerfliches Märchen, ist es rassistisch, schädlich und zu verdammen? Nein! Ja, es bedient orientalische Stereotype, dessen müssen wir uns bewusst sein. Es ist eine westliche Fantasie, das ist klar. Wir müssen verstehen, dass diese Darstellungen mehr über unser Verhältnis zum „Orient“ aussagen, als über den „Orient“ selbst. Aber egal mit welchen „authentischen“ Schauspielern gearbeitet wird oder auch nicht, man kommt nicht aus diesem Dilemma heraus. Das Problem kann nicht gelöst werden, wenn das Märchen in schon in seiner Erschaffung von einer Fantasie und einer Projektion westlicher Vorstellungen lebt.
Gelöst werden kann das Dilemma der kulturellen Repräsentation nur, wenn andere Länder dieser Welt (und damit meine ich alle außerhalb des amerikanischen und englischen Raums) ihre eigenen Geschichten erzählen, neue Geschichten erzählen und diese Geschichten dann auch gehört werden, von allen. Genauso wie es bei angloamerikanischen Geschichten der Fall ist.
Aber wir sollten endlich aufhören, den Amerikanern, Engländern oder Hollywood vorzuwerfen, dass sie nicht genug repräsentieren und sie verantwortlich machen für all den Rassismus und die Klischees dieser Welt. Wir überfordern sie ganz eindeutig mit einer Aufgabe, die einfach nicht machbar ist. Wie kann ein Land alle anderen Länder repräsentieren? Klar sollte man versuchen, seinem eigenen Land mit all seiner Diversität gerecht zu werden. Und natürlich sollte man mit Geschichten, die außerhalb seines eigenen Landes spielen, sensibel umgehen. Aber lasst uns bitte realistisch bleiben und erkennen, dass die beste Repräsentation dadurch entsteht, dass jeder selbst seine eigenen Geschichten erzählt oder Dinge erzählt, die aus erster Hand erfahren wurden, so authentisch wie möglich. Falls wir dem ewigen Kreislauf der Stereotype und der Kreation von Fantasien und Klischees ausweichen wollen, müssen wir die Dominanz des anglo-amerikanischen Raums durchbrechen. Anders ist es nicht möglich.
